„Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“ schallte es aus dem Autoradio. Johannes kannte den Song, Kettcar, „Im Taxi Weinen“. Nach Weinen war ihm gar nicht zumute, eher nach Lachen. Er lies sich tiefer in den warmen Rücksitz des Taxis sinken und platzierte seinen alkoholschweren Kopf vorsichtig an der Kopfstütze. Er hätte es wissen müssen. Er hätte schon bei der Einladung misstrauisch werden müssen. Mathias und Konstanze hatten ihn zum Essen eingeladen. Fred und seine neue Freundin, die kleine Kölnerin, sollten auch kommen. Er hätte es einfach wissen müssen. Aber er hatte ihren Eifer einfach unterschätzt.
Und so war er vor einigen Stunden völlig ahnungslos und leicht verspätet durch die Hofeinfahrt des Schwabinger Altbaus getreten und hatte auf die Geräusche aus den rückwärtigen Fenstern gelauscht, um herauszuhören, in welchem Stock die beiden wohl wohnten. Er hatte sich nicht besonders viel Mühe mit seinem Outfit gegeben, die Haare ungewaschen, eine alte ausgetragene Jeans und sein ungebügeltes Hemd das er schon gestern getragen hatte. War ja nur ein Essen unter Freunden, die Revanche für den Schweinebraten, den er an Sylvester für die Truppe zubereitet hatte. Irgendwann hörte er Mathias Stimme wie er sich mit einer Frau unterhielt, vermutlich der kleinen Kölnerin. Er beschloss, dass die Stimmen wohl aus dem Vorderhaus kommen mussten und betrat das Treppenhaus.
Mathias empfing ihn herzlich an der Tür, bedankte sich artig für die Flasche Wein, die Johannes aus der Tasche zog und nahm ihm den Mantel ab. Sie unterhielten sich ein bisschen im Flur, darüber das die Wohnung gar nicht so leicht zu finden war, dass unten am Eck wohl gerade ein neuer Szenefriseur seine Eröffnungsparty feierte, schließlich ging Mathias vor und Johannes betrat das Esszimmer – und hätte am liebsten sofort wieder umgedreht. „Das haben sie jetzt nicht wirklich getan“ schoss es ihm durch den Kopf während er fühlte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg. Er blieb einen kurzen Moment stehen, jedoch lange genug, dass es den fünf Augenpaaren aufgefallen sein musste, die ihn teils freundlich, teils interessiert entgegenschauten. Fünf Augenpaare. Man könnte sich keinen größeren Zaunpfahl vorstellen, als der, mit dem hier gewunken wurde. Der Tisch stand längs vor ihm. An der einen Seite saß Konstanze und Mathias stand hinter seinem Stuhl. An der anderen Seite saßen Fred und die kleine Kölnerin. Und am langen Ende, also ihm direkt zugewandt saß eine ihm nur flüchtig bekannte Frau und schaute ihn mindestens genauso peinlich berührt an, wie er gerade schauen musste. „Das haben sie jetzt nicht wirklich getan“ dachte Johannes noch einmal.
Eigentlich eigenartig: im Grunde war nichts Verfängliches an dieser Situation, es saßen einfach fünf Leute an einem Tisch und eine Sechste betrat den Raum. Aber dennoch war wohl allen beteiligten in Bruchteilen von Sekunden klar, was hier gespielt wurde. Ein Pärchen hier, ein Pärchen dort, eine Singefrau hier, ein Singlemann hier. Die Kabbala der Romantik. Vielleicht war es auch weniger die Situation, das Setting, das bei ihm leichte Übelkeit erzeugte, als vielmehr dieses verschwörerische Glänzen in Mathias Augen, als er die Vorstellungsrunde beendete mit dem Satz „…und das ist Konstanzes Freundin Franziska -Single“. Johannes betrat mit stocksteifen Beinen den Raum, das ganze war ihm unerträglich peinlich, er hasste solche Situationen, er hasste es, nun hier als Marionette eines geschickt eingefädelten ganz rein zufälligen Zusammentreffens agieren zu müssen. Jede Geste, jedes Wort an die Dame an der anderen Tischseite würde ab jetzt für alle anderen Beteiligten Personen von Bedeutung nur so triefen, sie würde es aufsaugen wie ein Schwamm, sich bezeichnende Blicke zuwerfen und sich vermutlich unter der Tischplatte bestärkend die Hände drücken. Das Beste daran war das sie sogar Geschmack bewiesen hatten. Konstanze war durchaus attraktiv. Dennoch vermied Johannes in den ersten Minuten jeglichen Blickkontakt mit ihr, so als könne er sich dadurch dem geheimen Uhrwerk entziehen, das, statt wie von den anderen geplant, unauffällig im Hintergrund zu ticken, laut in seinen Ohren pochte.
Die Vorspeisen wurden aufgetragen, Johannes begann eine ungezwungene Unterhaltung mit Fred, der wiederum die kleine Kölnerin mit einbezog, die sich schließlich geflissentlich an Franziska wandte, um auch sie in das Gespräch einzubeziehen. Es ging um Thailand, schließlich gab es Saté-Spiesschen. Johannes fragte Konstanze höflich, ob sie auch schon mal in Asien gewesen sei. „Ja“ erzählte sie begeistert: „Ich war letzten Sommer mit meinem Freund dort“ – sie stockte – „Na ja, mit meinem Ex-Freund“. „Oh Gott“, dachte Johannes, „steh auf und renne!“.
Der Abend nahm seinen Lauf. Es war schon äußerst erheiternd, welche Namen sich frisch getrennte Frauen für ihre neue Leerstelle einfallen ließen. Als wollten sie dem Unvermeidlichen wenigstens semantisch noch ein Schnippchen schlagen. Auch Franziska verstand es aufs Beste, ihren frisch Verflossenen den ganzen Abend ständig penetrant immer wieder mit den eigenartigsten Formulierungen in das Gespräch einfließen zu lassen: „Mein-Freund-der-jetzt-mein-Exfreund-ist“ oder „Mein-jetzt-dann-doch-wahrscheinlich-wohl-Ex-Freund“ oder „Mein-ach-ja-Ex-Freund“ oder „Peter-mein- kurzes Schweigen-böser Blick -bisheriger-Freund“ und so weiter und so fort. Die kleine Kölnerin und Konstanze schauten während solchen Ausführungen immer entweder betroffen zu Franziska oder aufmunternd zu Johannes. Dieser verkroch sich immer tiefer in seinen thailändischen Curry. Es war noch schlimmer als vermutet. Sie hatten nicht nur eine ihrer Freundinnen auserkoren, brutal mit ihm verkuppelt zu werden, ohne dass er oder sein Anwalt hätten Einspruch erheben können. Nein, sie hatten auch noch eine ausgewählt, die noch nicht mal drei Wochen von ihrem Knaben getrennt war, also absolut jenseits von Gut und Böse, im paralysierenden Trennungsschock, kurz vor der Verleugnungsphase. Jeder Mann, der dieser Frau in den nächsten Wochen in die Finger kommen würde, war zu bemitleiden. Entweder musste er sich Dauerwursterhatmicheinfachnichtverstandengeschichten anhören während er, Franziska und ein virtueller Peter nebeneinander im Bett lagen - was noch die erfreuliche Variante war. Oder aber er würde gnadenlos zu den Restaurationsarbeiten an dem angeknickten Selbstbewusstsein dieser Frau herangezogen um anschließend wie ein leerer Sack Zement auf den Beziehungsmüll landen. Johannes hatte das selbst schon einmal erlebt: ganze drei Monate hatte er sich die Horrorgeschichten über den beziehungsunfähigen und offensichtlich gewalttätigen Ex-Freund der Dame angehört, um dann gesagt zu bekommen: „ihn habe ich geliebt, Dich nicht“. „Danke-Prost“ dachte Johannes während er ein weiteres Glas Wein leerte.
Es kam wie es kommen musste, Konstanze säuselte, sie müsse das Dessert vorbereiten, Mathias sprang ihr hilfsbeflissen hinterher, die kleine Kölnerin zog Fred zum Kuscheln aufs Sofa und so saß schließlich Johannes und Franziska alleine am Tisch. Sie redete unentwegt. Sie redete vom Rauchen und davon dass „Also-mein-na-nun-Ex-Freund“ nicht verstanden habe, warum sie es nicht mochte, wenn er besoffen aus Kneipen kam. Sie hatten sich vor seinen Kumpels gestritten, was Peter wohl besonders ehrenrührig gefunden hatte. Johannes hörte ihr zu, während er ein Glas nach dem anderen leerte und ließ nur ab und zu ein „aha“ oder ein „echt“ einfließen. Mehr war auch nicht nötig, sie hatte ihn in einen Monolog verwickelt. Er war fasziniert von der Akribie, mit der sie ihm die Schlüsselszenen der Trennung nacherzählte. Fast wie in einer Detektivgeschichte beschrieb sie ihm minutiös jede seiner Bewegungen, seiner Sätze, seiner Bewegungen, seiner Blicke nach, so als müsse sie sich und ihm die Szenen nur genau und detailliert genug vor Augen führen um endlich den Schlüssel zu ihrem Verständnis zu finden. Johannes kamen die Geschichten banal vor, Alltagsstreitigkeiten wie sie in jeder Beziehung vorkamen. Aber er sagte nichts, lies sie reden und trank Wein. Schließlich schaute sie ihn an: „Du kannst wirklich gut zuhören, weißt Du das?“ „Hä?“ sagte Johannes, der mit seinen Gedanken gerade wo völlig anders gewesen war. Franziska redete schon weiter…
Schließlich waren Fred und die kleine Kölnerin fertig mit kuscheln und meinten, sie wollen nun gehen, aber Johannes könne ja noch bleiben, es sei – anzügliches Lächeln – ja gerade so gemütlich. Johannes sprang auf „Nein, es ist spät, ich komme mit“. Auf dem Flur warfen ihm Fred und die kleine Kölnerin wieder Blicke zu und nickten beide synchron mit dem Kopf in Richtung Wohnzimmer wobei sie mit den Augen rollten. Am liebsten hätte Johannes laut losgelacht, es sah so abgesprochen albern aus. Stattdessen griff er sich seinen Mantel, verabschiedete sich von den Gastgebern und Franziska mit einem festen Händedruck und verließ somit nicht unhöflich aber ohne großes Federlesen die Wohnung. Unten auf der Straße holte Fred ihn ein: „Man, warum bist Du nicht noch geblieben, es lief doch gerade so gut zwischen dir und Franziska“ – „Das ist doch echt ne Süße“ fügte die kleine Kölnerin mit ihrer Piepsstimme ein und wippte auf ihren Füßen. Johannes schaute die beiden an. „Macht das nie wieder“ sagte er mit fester Stimme, drehte sich um und ging sich ein Taxi suchen.
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3 Kommentare:
Hey, gibts Dich noch?
Der Blog hier ist tot, nech?
Das Deutsche Literaturarchiv verfolgt mit Interesse ihr Weblog und wuerde gern mit Ihnen Kontakt aufnehmen. Ueber eine Rueckmeldung an Jochen.Walter@dla-marbach.de wuerden wir uns sehr freuen. Gruesse aus Marbach, Jochen Walter
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