Sonntag, 4. Februar 2007

Sandra

Er küsste sie auf die Nase. Sie lag neben ihm in ihrem Bett unter dem Dachfenster, das sich direkt über ihrem Bett befand. Es war warm draußen, Vögel zwitscherten und die Strahlen der Frühlingssonne spielten auf ihrer Haut und schienen sich in ihrem Bauchnabel zu sammeln. Sie hatte die Augen geschlossen und lächelte leicht als sie seine Lippen spürte. Dann kräuselte sie ihre Nase und sagte: „lass dass, Du Doofi“. Johannes lag auf der Seite, seinen Kopf auf den Arm gestützt und betrachtete sie. So wie sie da lag war sie wunderschön, das Bettlacken um ihre Hüften geschwungen, die Arme hinter ihrem Kopf verschränkt, so dass sich ihre Brüste nach außen wölbten. Ihren Kopf hatte sie ihm leicht zugeneigt, einige Strähnen waren ihr ins Gesicht gefallen. Er konnte es nicht lassen und strich sie ihr aus dem Gesicht, führte dann die Finger über ihren Mund an ihr Kinn. Immer weiter ließ er den Finger gleiten, den Hals entlang zwischen ihren Brüsten hindurch, zeichnete dann die Konturen ihres Bauches nach, führte seinen Finger wieder nach oben, bis er oben an ihre Brust stieß. Sie schnurrte leise und er lachte. Küsste sie wieder, diesmal auf ihre Brust. Er fühlte sich wohl, leicht, unbeschwert, es ging ihm gut – so gut wie schon lange nicht mehr. Er lag hier mit ihr in ihrem großen Bett und genoss es einfach neben ihr aufzuwachen.

Gestern waren sie zusammen unterhalb der Bavaria auf einer Kamelhaardecke gesessen, hatten sich unterhalten, gelacht und dabei zwei Flaschen herrlich kalten Weißwein getrunken. Es kam wie es kommen musste, irgendwann saßen sie nicht mehr, sondern lagen auf der Decke. Und gerade als sie alle Viere von sich streckten, kam die kalte Dusche. Da der Frühling sich noch nicht so richtig entscheiden konnte, den Sommer durchzulassen, hatte es natürlich prompt angefangen zu regnen. Sie folgten aber nicht dem Impuls, sich ins rettende Trocken einer der umliegenden Kneipen zu flüchten, sondern verzogen sich lachend unter die Decke. Da saßen sie dann, knutschten wild, tranken die letzten Reste Wein und versuchten ihre Körper irgendwie in eine Kombination zu bringen, in der kein Körperteil übermäßig nass wurde, die sie es aber gleichzeitig länger als eine halbe Minute aushielten ohne einen Krampf zu bekommen. Sollte sich da noch irgendjemand in der Dämmerung herumgetrieben haben, dem musste sich ein äußerst absonderliches Bild dargeboten haben: Eine Haufen Kamelhaardecke, der begleitet von leicht hysterischem Kichern und Lachen die ganze Zeit die Ausbeulungen wechselte. Schließlich war es Ihnen doch zu kalt geworden und sie waren in ihre Wohnung geflüchtet. Die Nacht war wie immer toll gewesen, voll von unbeschwertem, verspieltem, leidenschaftlichen Sex, so wie sie ihn nun schon seit einigen Wochen miteinander teilten. Nun lag er neben ihr und sah, wie sich ihr Bauch ruhig hob und senkte.

Er war Sandra in einem dieser unzähligen Singleforen begegnet, in denen er mittlerweile Mitglied war. Es war fast so etwas wie das abgrasen von Weideland, man durchstöberte ein Forum für eine Weile und wenn einem dann nach gewisser Zeit ständig dieselben Gesichter begegneten, zog man weiter ins nächste Onlineportal. Hatte man dort auch genügend gesehen, ging man wieder zurück zu dem ersten um nachzusehen, ob sich die Zusammensetzung mittlerweile irgendwie verändert hatte, sich dort andere Leute aufhielten – genauer gesagt natürlich andere Frauen, denn mit Männern kam man in diesen Foren so gut wie nie in Kontakt, das war sozusagen die dunkle Seite des Mondes. Sandra war ebenfalls auf diesem Streifzug gewesen und so war es nur eine Frage der Zeit, bis sie sich in irgendeinem Forum über den Weg liefen. Nach einigem Hin und Her schreiben verabredeten sie sich. Komischerweise hatte auf das Date gar keine Lust gehabt, hatte sich aber dennoch verabredet. Sie hatte ihm geschrieben, dass sie Krankenschwester sei und diese Berufsbezeichnung war ihm so bieder klassisch vorgekommen, dass er sich sicher war, dass ihm ein langweiliger Abend bevorstand. „Tja, nicht ohne Grund habe ich in meinem Profil großkotzig ‚Akademiker’ stehen, ich habe wohl doch ein Statusproblem“ dachte sich Johannes und lächelte, während er immer noch Sandra betrachtete. An diesem Abend hatte sich mal wieder sein ganz eigener kleiner Voodoo-Zauber bestätigt: wenn er damit rechnete, dass es ein schöner Abend wurde, aufgeregt zu einem Date ging, war er von der Realität meistens schnell ziemlich ernüchtert. Rechnete er aber damit, sich zu langweilen und verfluchte sich auf dem Weg zum Treffpunkt, nicht den Mut gehabt zu haben, einfach abzusagen und stattdessen den Abend auf dem Sofa zu verbringen, so erwartete ihn meistens ein erfreulicher, unterhaltsamer Abend. Dieses eherne Gesetz durchzog sein Leben. Auch an der Uni waren die Lehrveranstaltungen immer die besten, bei denen er mit weichen Knien vor die Studenten trat. Wenn er hingegen locker flockig und entspannt in das Seminar hinein ging, führte irgendeine komische Dynamik dazu, dass ihm die Veranstaltung um die Ohren flog. Manchmal versuchte er mit Absicht die Erwartungen kellertief zu hängen, möglichst ein schlechtes, komisches Gefühl zu entwickeln um den Lohn in Form einer angenehmen Überraschung einfahren zu können – was natürlich nicht klappte, so clever war das Leben schon lange.

Er hatte zehn Minuten auf Sandra warten müssen – das übliche Spiel bei Dates, Herr hatte pünktlich zu sein, Dame hatte das Recht zu spät zu kommen. Später hatte sie ihm erzählt, dass sie, als sie das Cafe betrat und ihn da sitzen sah wie er auf seinem Handy herum tippte, empört dachte: „Mein Gott, ist der denn überhaupt nicht aufgeregt?“ Das war er tatsächlich nicht gewesen.

Wobei, dachte sich Johannes, die meisten Dates waren so ziemlich genau fünf Minuten lang aufregend: Das war die Zeitspanne zwischen verlassen der U-Bahn und dem Augenblick, in dem man den anderen vor irgend einer Kneipe, in der man sich verabredet hatte, ungefähr fünf Sekunden in die Augen geschaut hatte. Falsch! Korrekterweise musste man natürlich sagen, dass es in der Regel 15 Minuten waren, aber eben nur weil die Dame meistens 10 Minuten zu spät kam. Es war wirklich verblüffend wie kurz der Augenblick war, in dem man feststellte, dass das gegenüber „ganz nett“ aber eben auch nur „ganz nett“ war. Das war in der Tat eine Frage von Sekunden und ab dem Moment waren die meisten Dates nicht mehr aufregend, sondern im besten Fall amüsant, im ungünstigeren langweilig oder gar nervtötend.

Als Sandra an seinen Tisch trat, war er aber tatsächlich angenehm überrascht – der Voodoo-Zauber hatte funktioniert. Er wusste nicht mehr, worüber sie gesprochen hatten, er wusste nur noch, dass er sich von Anfang an wohl mit ihr gefühlt hatte, immer wieder versucht hatte, Körperkontakt zu ihr herzustellen und sie dem den ganzen Abend charmant ausgewichen war. Sie hatte irgendeinen Cocktail getrunken, den sie nicht vertrug, da er Ananassaft enthielt, so dass ihr relativ schnell schlecht wurde. Komischerweise war das aber irgendwie äußerst lustig gewesen, sie hatten sich darüber göttlich amüsiert und schlechte Witze gerissen. „Ich dachte, der Alkohol würde die allergische Wirkung der Ananas abtöten“ hatte sie gesagt und er lachte herzlich über diese medizinische Naivität einer Krankenschwester. Irgendwann hatte er sie dann nach Hause gebracht, nicht ohne ihr wenigstens einige Küsse abgerungen zu haben. Dem ersten Treffen waren weitere gefolgt und schließlich waren sie auch miteinander in ihrem Bett gelandet.

Johannes fuhr mit seiner Hand über ihr Gesicht und sie schnurrte wieder. Sie war wunderschön, sie hatte einen umwerfenden Humor, emotionale Reife und eine tolle Ausstrahlung. Und sie liebte ihn nicht, genauso wenig wie er sie liebte. Sie hatten es relativ schnell festgestellt, trotz aller Anziehung, trotz aller Zuneigung, trotz aller Verbindung, die sie zueinander empfanden, sie waren einfach beide nicht verliebt. Sie waren viel eher wie Bruder und Schwester, nur dass sie regelmäßig miteinander schliefen.

Es war eine gelungene und gut funktionierende Affäre, wie es sie selten gab. Dieser irgendwie nicht ganz einfach zu stabilisierende Zustand zwischen Freundschaft und Beziehung, in dem alles jeden Tag neu ausgehandelt werden musste, einfach weil es keine Routinen, keine Selbstverständlichkeiten, keine Ansprüche gab. Wenn man befreundet war, so war klar, wie man sich begegnete. Wenn man eine Beziehung hatte, auch. Aber Affären waren das Dazwischen, das klare Unklare, das sichere Unsichere. Wie eine Kugel oben auf einer Kuppe, von der nicht klar war, auf welche Seite sie schließlich rollen würde, von der man aber wusste, dass sie nicht lange oben liegen bleiben wird. Affären gingen nie lange gut, einfach weil sie instabil waren. Wenn man dies aber wusste, so konnte man sie früh genug beenden um das Verhältnis, die Zuneigung zueinander zu retten. Auch Sandra und er würden eines Tages beschließen müssen, was das da zwischen ihnen war, es in einen verlässlichen Zustand überführen, sei es nun Freundschaft oder Beziehung. Solange genossen sie aber beide die Leichtigkeit, die mit dieser Form der Begegnung verbunden war. Er hatte einige Männer kennen gelernt, für die ein One Night Stand als die Krönung männlicher Eroberungskunst galt. Das hatte Johannes noch nie verstanden, denn für ihn bedeutete ein One Night Stand ganz einfach, dass der Sex so schlecht war, dass man keine Lust hatte, ihn zu wiederholen. Affären waren da anders, man teilte das, was man teilen wollte und versuchte alles andere möglichst lange draußen zu halten. Das verbindende Prinzip war Offenheit. Nicht Unverbindlichkeit, wie viele meinten. Denn die Verbindlichkeit bestand eben darin, ehrlich und offen zu sein, dem anderen mitzuteilen, wo man selber stand, im Gespräch zu bleiben, nicht unbedingt verbal, sondern eher durch Gesten, Handlungen, Schritte auf den anderen zu oder wieder von ihm weg. Es war eine der ehrlichsten Beziehungsformen. Aber auch nicht unbedingt die Wünschenswerteste. Denn auch das war sowohl Sandra wie auch ihm klar: sobald einer von beiden eine andere Person treffen würde, bei der Verliebtheit ins Spiel käme, wäre ihre Affäre von einem Tag auf den nächsten beendet. Love first sozusagen. Johannes beobachtete wie die Sonnenstrahlen auf Ihrem Gesicht tanzten. Es hatte Momente gegeben in den letzten Wochen, da hatte er gedacht, es könne vielleicht doch gehen. Gerade wenn sie sich einige Tage nicht gesehen hatten und er an sie dachte, hoffte er, doch so etwas wie Verliebtheit zu spüren, wenn sie sich sehen würden. Hielt er sie in den Armen und küsste er sie, spürte er es aber immer wieder so klar, dass es schon fast Brutal war: er liebte diese Frau nicht.

Es würde ihn treffen, wenn sie eines Tages einen anderen Mann lieben würde, nicht nur aus Eitelkeit, nein, sondern weil er sie wirklich mochte. Aber gerade weil er sie mochte, würde er es ihr auch aus vollem Herzen gönnen. Es wäre ihm nicht egal, aber es wäre okay. Vielleicht würden sie sich für eine Weile nicht mehr sehen um dann noch mal zu beginnen. Sicher wäre es sonderbar, sich zu treffen ohne die Intimität, die sie nun schon seit einigen Wochen miteinander teilten. Aber sie würden das miteinander hinbekommen, das wusste Johannes.

Sandra atmete aus, öffnete die Augen und lächelte ihn an. Johannes küsste sie auf die Stirn. „Schau mich mal nicht so verliebt an“ sagte er lächelnd.

[Diese Geschichte ist ein Produkt der Phantasie. Ähnlichkeiten zu lebenden und toten Personen unterliegen ebenfalls der dichterischen Freiheit.]

2 Kommentare:

Suse hat gesagt…

Tja, ich finde die Geschichte wieder schön und auch.... schwer in Worte zu fassen. Sie hinterlässt dieses Gefühl, das man hat, wenn man an einen Ex-Partner denkt, von dem man sich aus irgendeinem Grund trennte, dessen heutiges Leben betrachtet, sich fragt, ob es doch eine Chance gegeben hätte und wie das gemeinsame und das eigene Leben heute aussehen würde, wenn man es doch versucht hätte - und dann einen leichten dumpfen Schmerz fühlt, weil einem bewusst wird, dass man auf diese Fragen niemals eine Antwort erhalten wird und kann. Und ungelebte Chancen eben schmerzen. Und wenig später zuckt man mit den Schultern und denkt "Ja, so ist das eben mit dem Leben."

Ich lese Deine Geschichten übrigens nach wie vor unheimlich gerne.

So, und nun komm Du mal auf meinen Blog und mach einen kleinen Reim fürs Kinderheftlein, das kannst Du doch sicher!

Suse hat gesagt…

Mensch, gibt ja schon seit ewigen Zeiten nix Neues mehr hier...