Sie öffnete ihm die Tür. Trat einen Schritt zurück und sagte dann: „Du bist es also“ Johannes hatte unten am Hauseingang auf ihre durch die Gegensprechanlage gestellte Frage, wer den da sei, nicht geantwortet, weil er sich nicht sicher war, ob sie ihn rein gelassen hätte. Nun stand er verlegen da, starrte auf das „Willkommen“ auf ihrer Fußmatte und fühlte sich alles andere als willkommen. Dann schaute er auf und fragte „Darf ich reinkommen?“ Sie lächelte ihr sybillisches Lächeln aber Johannes kannte sie gut genug um zu wissen, dass in ihr wohl im Moment ein Sturm widersprüchlicher Emotionen tobte. „Klar“ sagte sie schließlich und drehte sich um und ging zurück ins Wohnzimmer.
Johannes trat ein, schüttelte den Schnee von seinen Schultern und nahm seinen Mantel ab, um ihn an die Garderobe zu hängen. Da hing bereits ein Zweiter. Irritiert schaute er zur Wohnzimmertür, aus der leise Jazz-Musik klang. Er hörte ihre Stimme und dann den tiefen Bass eines Mannes, der so etwas fragte wie „wer ist gekommen“? Sie antwortete ihm scheinbar nicht. „Oh Mann“ dachte er sich „Du hättest keinen schlechteren Zeitpunkt wählen können“ Dann ging er zu der Tür und betrat den Raum.
Das Licht war gedämpft, an ihrem Esstisch saß ein gut aussehender Mann, etwa in Johannes Alter und schaute ihn etwas skeptisch aber interessiert an. Die Lasagne stand noch auf dem Tisch, ebenso wie ein Kerzenleuchter, dessen Licht sich in zwei großen Rotweingläsern spiegelte. Ihre Teller waren schon leer, er hatte sie wohl zumindest nicht beim Essen gestört. Katja setze sich wieder an ihren Platz am Tisch, wies auf das Sofa gegenüber an der Wand und sagte „Setz Dich doch“ Johannes zögerte, der Mann griff nach seinem Rotweinglas und schaute ihn unvermindert an. „Mist“ dachte Johannes „Verdammter Mist, Du solltest gehen“. Mit steifen Beinen ging er auf das Sofa zu und setze sich. Sie sah ihn an, der Mann sah ihn an und Johannes spürte, wie unangebracht seine Anwesenheit im Moment war. „Es ist kalt geworden draußen“ sagte er, um überhaupt etwas zu sagen. Die beiden anderen schwiegen, im Hintergrund spielte Dave Brubeck Triolen auf seinem Klavier.
Er wartete einige Momente zu und sagte dann „Gute Platte“. Immer noch schweigen sie, der Mann nickte nur und schaute zu Katja, seine rechte Augenbraue zuckte kaum merklich. „Ich habe Euch hoffentlich nicht gestört“ fuhr Johannes fort. Katja atmete kurz und heftig aus, wenigstens überhaupt eine Reaktion. Der Mann richtete seinen Blick wieder auf Johannes. „Nun etwas schon, wie Du siehst waren wir gerade beim Essen“ sagte er. „So“ sagte Johannes und es klang beiläufig. Er rutschte ganz vor auf die Kante des Sofas, beugte sich nach vorne, legte die Unterarme auf seine Schenkel und drückte seine Fingerspitzen aneinander. Dann schaute er auf die auf dem Couchtisch verteilten Zeitschriften. Katja griff zu ihrem Weinglas und setze es an die Lippen, Dave Brubeck spielte mittlerweile eine etwas ruhigere Melodie. Plötzlich stand der Mann auf und sagte „Ich räume mal die Teller in die Küche“ Katja stellte ihr Weinglas ab und schaute Johannes nun direkt an „Warum bist Du gekommen, merkst Du nicht, dass Du störst?“ Ihre Stimme klang etwas schrill. Der Mann blieb mit den Tellern in der Hand stehen und schaute zu Johannes. „Nun, ich wollte mit Dir reden“ sagte Johannes und fuhr sich mit der Hand an die Nase. „Hättest Du das nicht vor vier Wochen machen können, am Bahnhof, als Du einfach gegangen bist?“
Johannes schwieg, starrte auf die Zeitschriften. Sie hatte recht. Er war ein verdammtes Arschloch gewesen, hatte sie einfach stehen lassen. Er war sich in diesem Moment so sicher gewesen, dass er sie nie wieder sehen wollte und hatte gedacht, es sei bequemer, sich ihren kindlichen Fragen nach dem Wieso nicht zu stellen. War sich männlich und klar vorgekommen, hatte sich in dem Gefühl, sich endlich mal nicht korrekt zu verhalten, gebadet. Mein Gott, dabei müsste er sich mittlerweile besser kennen. Noch nie hatte er es hinbekommen, einfach einen Schnitt zu ziehen, dazu war sein Harmoniebedürfnis viel zu groß. Er schreckte hoch als mehrere Teller auf den Tisch knallten. Der Mann hatte sie mit Wucht zurück gestellt „Kann mir jetzt bitte jemand mal erklären, was hier gerade gespielt wird?“ sagte er laut. Katja sah ihn kurz erschrocken an, dann drehte sie sich zu Johannes und sagte ruhig „Diese Frage gebe ich gerne an Dich weiter“. Johannes schwieg. Was sollte er auch sagen. Er war in einer völlig unpassenden Situation hier reingeschneit, ohne so genau zu wissen, was er hier eigentlich wollte. Nie hätte er damit gerechnet, dass sie Männerbesuch haben könnte. Er war so ein Idiot, sie war 27 und wunderhübsch. Wie kam er nur auf die dumme Idee, er könne der Einzige für sie sein, vor allem nachdem was er sich geleistet hatte. „Johannes hier meint, er sei ein Geschenk an die Frauen, da muss man sich ja nicht vorher anmelden, wenn man eine seiner Gespielinnen besucht“ sagte sie schließlich scharf. Der Mann schaute sie an, seine Mundwinkel zuckten. „Was ist das denn für ein Scheiß? Ist das Dein Ex oder was? Ich dachte der lebt in Wien?“ - „Nein, das ist nicht mein Ex, das ist ein Mann, von dem ich bis vor wenigen Wochen mal gedacht habe, er besitze Charakter“ Johannes zog leicht den Kopf ein, seine Fingerspitzen hatte er immer noch aneinander gelegt. Dann schaute er Katja an und sagte „ich will mich bei Dir entschuldigen“. Sie lachte heisser auf. „das kommt Dir aber früh“. Er musste ruhig bleiben. Wenn er überhaupt noch eine Chance haben wollte, dann musste er ruhig bleiben. „Ich will mich bei Dir entschuldigen“ wiederholte er noch mal. „Katja, was will der Typ hier?“ Katja schwieg und schaute zu Boden. Dann richtete sie den Blick auf Johannes und sagte leise. „Jo – Bitte“ Es klang so flehend, dass es ihm das Herz herumdrehte. Aber er wiederholte nur „ich will mich bei Dir entschuldigen Katja“
„Also mir reicht das jetzt, hier ist einer zu viel“ meinte der Andere und ließ seine Hände erneut auf die Tischplatte knallen: „Entweder der Typ geht oder ich. Ich dachte wir machen uns nen schönen Abend und dann so ne Scheiße“. Katja schaute Johannes immer noch mit dem flehentlichen Blick an, doch er schlug den Blick nieder und betrachtete wieder die Zeitungen. „Okay, ich gehe“ Der Mann trat einen Schritt zurück und ging dann auf die Tür zu „Kai – es tut mir leid“ sagte Katja schwach. Kai stürmte aus dem Raum, wenige Momente später knallte die Wohnungstür.
Katja sackte in sich zusammen. Immer noch spielte Dave Brubeck im Hintergrund und für einige Momente war das das einzige Geräusch, das das Zimmer erfüllte. Sie saß da, mit geschlossenen Augen und offenen Mund, leicht verzerrt und ihr Brustkorb bewegte sich schnell auf und ab. Johannes richtete sich auf „Verdammter Mist, Katja, ich habe mich total daneben benommen, ich weiß. Ich habe mit dir Spielchen gespielt, ich war dir gegenüber nicht ehrlich und ich habe mich wie ein riesiges Arschloch benommen. Aber du bist mir wichtig, ich will dich nicht verlieren. Ich will nicht, dass du weg bist, ich will nicht, dass ich dein Lachen nicht mehr höre. Du bist ein wunderbarer Mensch und ich weiß nicht was ich hier mache und warum ich hier sitze. Wahrscheinlich mache ich nur alles schlimmer, aber du bist nicht mehr ans Telefon gegangen, du hast meine mails ignoriert. Ich will das es anders wird – bitte Katja“ Sie öffnete die Augen und sah in direkt an „Du glaubst echt was du da sagst – ich fass es nicht“ Dann brach sie in Tränen aus, hielt sich die Hand vor die Augen und weinte einfach. Sie gab sich keine Mühe, es vor ihm zu verstecken, ja es schien fast, als sei er nicht anwesend. Immer wieder löste sich ein tiefer fast röhrender Ton aus ihrer Kehle, ihr schlanker Körper zitterte, die Tränen liefen ihre Wangen herunter und blieben an ihrem Kinn hängen, ihr geschminkter Mund war eigentümlich verzerrt, ihr Kopf hing schief. Sie weinte, für sich, für ihre Verletzung, für diesen Moment. Er war hier fehl am Platz. Er war hier fehl am Platz. Er war hier fehl am Platz. Er schämte sich. Schämte sich dafür, was er getan hatte, schämte sich für seine Ignoranz und Überheblichkeit, mit der er diese Frau behandelt hatte. Für die Verblendung zu meinen, hier nur reinschneien zu müssen und alles wieder gerade biegen zu können. Er hatte es getan und er würde es nie wieder ungeschehen machen können. Es traf ihn wie ein Dolch in der Brust: Es gab kein zurück mehr, es war geschehen, war in der Welt wie ein hässliches kleines Etwas, stand zwischen ihnen und es führte kein Weg mehr daran vorbei. Verzeihen war eine Sache, die war vielleicht eines Tages noch möglich. Ungeschehen machen eine andere. Er hatte geglaubt, er könne es erzwingen, würde es mit seinem Charme und seiner Aufrichtigkeit irgendwie wieder hinkriegen, würde sich im wahrsten Sinne des Wortes Ent-Schuldigen. Wie naiv!! Er stand auf, beschämt, wortlos und ging zur Tür. Sie schien es gar nicht zur Kenntnis zu nehmen. Er ging in den Flur und nahm langsam seinen Mantel vom Haken. Aus der Zimmertür waren immer noch Jazz-Laute zu hören, vermischt mit ihrem Stöhnen. Sein Herz war eng, er lehnte seinen Kopf an die Wand und verzog sein Gesicht. Seine Linke bildete eine Faust und fast hätte er angefangen, damit auf sich selbst einzuschlagen. Statt dessen löste er die Faust und atmete tief aus. Dann drehte er sich langsam um, ging aus der Wohnung hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Er wusste dass sie sich für ihn wohl nicht mehr öffnen würde.
[Diese Geschichte ist ein Produkt der Phantasie. Ähnlichkeiten zu lebenden und toten Personen unterliegen ebenfalls der dichterischen Freiheit.]
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