Johannes saß am Ufer der Isar und scharrte mit dem rechten Fuß in den kleinen Kieselsteinen die zwischen den großen Steinen lagen. Er fuhr mit seinem Schuh vor und zurück, so dass eine Spur entstand, die er dann mit einer Linksbewegung seines Fußes wieder zuschüttete. Dabei starrte er auf das vorbeilaufende Wasser. Es hatte in den letzten Tagen geregnet, so dass das Wasser trübe war. Hin und wieder schwamm ein kleiner Ast oder einige Blätter vorbei. Das Rauschen klang in seinen Ohren. Es war einer dieser Momente wie er sie in den letzten Jahren schon öfters erlebt hatte. Momente in denen er glaubte, zur Vernunft zu kommen, in denen er sich schwor, diesen ganzen sinnlosen Scheiß einfach sein zu lassen. Es stand in jedem Ratgeber drin und auch seine Freunde und er selbst trugen es wie ein Mantra vor sich her: Es passierte dann, wenn man es am wenigsten erwartete. Man durfte auf keinen Fall danach suchen.
Johanna hatte ihren Golflehrer in dem Moment kennen gelernt, in dem sie sich geschworen hatte, nicht ständig mit Männern ins Bett zu gehen, die auf ihren freien und selbstverständlichen Umgang mit Sex abfuhren aber nicht auf sie. Auch ihn hatte sie von einem Moment auf den Nächsten aus Ihrem Bett geworfen und so sehr er das bedauerte, er hatte sie für die Konsequenz ihres Lebenswandels bewundert.
Juli hatte ihn damals wegen eines Typen verlassen, den sie beim Rucksackkauf kennen gelernt hatte. Sie waren sich zweimal an einem Nachmittag in unterschiedlichen Outdoor-Läden begegnet und er hatte sie schließlich mit auf seine Kreditkarte genommen, da ihr Bargeld nicht reichte. Der anschließende gemeinsame Gang zum Geldautomat hatte ausgereicht, mittlerweile waren die beiden verheiratet, lebten irgendwo im Umland und hatten zwei Kinder.
Oder auch Frank. Er hatte seine Frau kennen gelernt, weil sie seinen Schadensfall bei der Versicherung fehlerhaft bearbeitet hatte. So hatte er mehrmals mit ihr telefoniert, zu erst im Streit, dann immer mehr in freundlichen und herzlichen Ton und schließlich hat er die Chance genutzt und die letzten fehlenden Unterlagen selbst in die Schadensregulierung gebracht, auch wenn die in Ulm saß – von Berlin aus eine weite Strecke.
Man durfte nicht danach suchen, nein, es war fast wie beim Mikado: wer sich bewegte hatte verloren. Johannes Problem war nur, dass er mit dem Suchen nicht aufhören konnte. Er hatte es versucht, bei Gott ja, es war nicht das erste Mal das er das Gefühl hatte aufzuwachen, dass er sich schwor, sich jetzt mal endlich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren. Zwischen ihm und Fred war es mittlerweile bereits ein running gag, wenn einer von beiden sagte: „komm lass uns die Frauen vergessen, wir machen mal mehr in Kultur“. Den Vorsatz hatten sie schon seit über einem Jahr und er war in dieser Zeit ein einziges Mal im Theater gewesen – mit einem Date. Und wenn er Anja wieder eine Mail schrieb, in der er Stein und Bein schwor, nun endlich mal aufzuhören mit dem Internetdating, es habe ja alles keinen Sinn, schreib sie mittlerweile nur noch lakonisch zurück: „bis nächste Woche“.
Johannes nahm ein paar Kiesel in die Hand und begann damit nach einer leeren Zigarettenschachtel zu werfen. Er verstand es selbst nicht, er verstand nicht, warum er so getrieben war von dem Wunsch, eine Frau kennen zu lernen, eine Beziehung zu haben, endlich nicht mehr alleine zu sein. Es war albern, er war überhaupt nicht alleine. Kaum ein Abend, an dem er nicht mit Menschen unterwegs war, die er wirklich gerne hatte. Kaum ein Tag an dem er nicht irgend einen kleinen netten Flirt hatte, und war es auch nur ein flüchtiger Blick beim Betreten der Bar, ein schnelles Lächeln dieses unmerkliche Weiten der Pupillen des Gegenübers, an dem man sich erkannte und mit dem sich gegenseitig zu verstehen gab, dass man sich gesehen und gefallen hatte. Er bekam Komplimente, freundliche Gesten und herzliche Umarmungen, er hatte hin und wieder guten, unverkrampften Sex mit attraktiven Frauen, mit denen er anschließend gemeinsam frühstückte. Dennoch war da diese Sehnsucht, die ihn voran trieb, die ihn durch die Nacht schweifen ließ, die dazu führte dass er keiner Frau begegnen konnte, ohne innerlich zumindest kurz die Frage anzudiskutieren, ob da mehr daraus werden könnte.
Er hasste das. Und er hasste seine Tagträume. Vor wenigen Wochen war er für eine kurze Zeit mit einer südosteuropäischen Schönheit ausgegangen, die, zweifellos sehr attraktiv, aber in keinster Weise auf seiner Wellenlänge lag. Die Gespräche waren mühsam und stockend verlaufen, dennoch hatte er bereits nach seinem ersten Date mit ihr von einer großen albanischen Hochzeit geträumt, hatte sich überlegt, wie es wohl wäre, mit ihr Kinder zu haben, wie er sie seinen Brüdern vorstellen würde und wie ihn seine zukünftige Schwiegermutter umarmen und herzen würde und anschließend irgendwas von Hammelfett triefendes serviert hätte. Johannes nahm eine neue Hand voll Steine, und lies sie sich durch die Hände gleiten. So lächerlich ihm diese Träume vorkamen, wenn er ehrlich war, waren sie Ausdruck seiner Sehnsucht. Aber nach was denn verdammt? Danach endlich nicht mehr der Single zu sein?
Vor drei Wochen hatte er wieder Tobias und Heidrun besucht, alte Freunde aus Berlin, die nun mit ihren beiden Töchtern im Süddeutschen lebten. Eine der Töchter hatte ihren Klassenkameradinnen erzählt, das sei Johannes, der habe ein grünes Auto aber keine Frau. Er war also der wunderliche Onkel? Johannes dachte an seine allein stehenden Tanten, die ihm als Kind immer sehr eigenartig vorgekommen waren, Ausnahmeerscheinungen, sonderbare Launen der Natur. Heute gab es zwar viele Gründe dafür anzunehmen, dass Tante Inge und Tante Beate gar nicht so allein stehend waren, sondern ein glückliches wenn auch verwandtschaftlich totgeschwiegenes Paar. Damals jedoch waren sie ihm einfach wie die Abweichung von der selbstverständlichen und gesunden Norm vorgekommen. Wunderlich eben.
Man durfte nicht suchen, dann fügt sich schon alles. Johannes erwischte sich hin und wieder dabei, wie er versuchte, sich selbst hinters Licht zu führen, in dem er Nichtsuchen zu Suchstrategie erhob. Er redete sich selbst und anderen ein, gar nicht zu suchen, mit dem Thema durch zu sein und sich nun einfach mit anderen Dingen zu beschäftigen. Dann wartete er aber innerlich unruhig darauf, dass sich nun der versprochene Preis fürs Nichtsuchen endlich einstellen würde. Es war ihm schlichtweg unmöglich mit dem Suchen aufzuhören. Auch weil er dann das Gefühl hätte, zu resignieren. Er hatte so viele Menschen kennen gelernt, die sich in ihr Schneckenhaus zurückzogen. Männer, die sich in Zynismus badeten. Frauen, die jedem der Ihnen über den Weg lief solange übelste Motive unterstellten, bis die Bewerber entnervt aufgaben und dann in triumphierendes Geheul ausbrachen. Eine Frau hatte ihm mal auf sein freundlich gemeintes Kompliment, er fände Sie wirklich interessant nur geantwortet: „das gibt sich“. Er wollte sich einfach nicht damit abfinden, dass man nicht suchen und finden konnte.
Und so suchte er nun schon seit Monaten, nein es waren sogar Jahre. Wie bei einer Schuppenflechte, bei der die Haut nicht in der Lage ist, eine gesunde Oberfläche zu bilden, da sie ständig und in völlig überhöhtem Tempo Hautpartikel erzeugte, so produzierte er seit Jahren Beziehungsfragmente, die haltlos im Nichts verschwanden. Begegnungen, deren lose Enden unverknüpft liegen blieben. Immer wieder aufs neue stürzte er sich in Bekanntschaften, lernte er Frauen kennen, bewegte sich auf sie zu, hielt ihnen die Hand hin, streifte ihren Arm, küsste sie, verlor sie. Jedes mal ein kleines Drama. Es war nicht so, dass er abgehärtet war oder routiniert. Nein, jede dieser Begegnungen war für ihn echt, aufregend, offen, möglich und ernst gemeint. Dennoch kamen sie mittlerweile mit einer solchen hohen Taktzahl in seinem Leben vor, dass er oft mehrere Begegnungen nebeneinander her laufen hatte, dass er gar nicht darauf wartete, dass die eine Geschichte zu einem Ende fand, bevor er die nächste Begann. Komischerweise hatte er dabei auch gar nicht dass Gefühl, unehrlich zu sein, es ging ihm auch nicht strategisch darum, immer mehrere Eisen im Feuer zu haben. Es war nur eben so, dass die Dinge begannen, sich ineinander zu schieben, wie die Hautschuppen, die sich gegenseitig überlagerten und somit haltlos wurden. Johannes stand auf. Es fröstelte ihn. Er hob seinen Kopf und schaute in den grauen Herbsthimmel. Er sog die feuchte Luft und hielt den Atem an. Dann ließ er sie stoßweise entweichen. Er wusste dass er damit aufhören sollte. Und er wusste, dass er es nicht tun würde.
[Diese Geschichte ist ein Produkt der Phantasie. Ähnlichkeiten zu lebenden und toten Personen unterliegen ebenfalls der dichterischen Freiheit.]
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2 Kommentare:
pfff!!!!!!!
Oje.
Wenn ich die Geschichte VOR dem Versenden der Karte gelesen hätte, wäre der Text ein anderer gewesen.
Anderes Thema: Mercedes - vielleicht kannst Du es ja zeitlich einrichten ;-)
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